Geschichte der GOK

Auszug aus der Jubiläumsausgabe anlässlich 75 Jahre GOK verfaßt und geschrieben von unserem damaligen GOK – Mitglied D. Kusenberg:

Die Osterfelder Fastnacht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Die Napoleonischen Kriege waren vorüber und eine der Auswirkungen der Ereignisse des frühen 19. Jahrhunderts war, daß das Vest Recklinghausen und mit ihm Osterfeld an Preußen kam. Hier waren die Preußen nicht gerade beliebt. Sie verstanden die biederen und eher verschlossenen Bauern nicht, die beim Herannahen der Fastnachtszeit sich völlig anders gebährdeten, als man es von ihnen erwartete. Osterfeld feierte seinen Fachtnacht nach alter Tradition und wie wir aus den Verboten wissen, ging dieses nicht gerade sanft vor sich. Die neuen Landesherren hatten alle Hände voll zu tun, um Ruhe und Ordnung einigermaßen aufrecht zu erhalten. Der Pfarrer von St. Pankratius und der Ortsgendarm sahen die tollen Tage immer mit gemischten Gefühlen auf sich zukommen. Es wird berichtet, daß die Osterfelder Fachtnachtsteilnehmer Samstags vor Fachtnacht so lange soffen, bis sie “wie Leichen unter den Tischen lägen”. Daß Schlägereien und Streitigkeiten sowie andere Auswüchse aufgrund des zu starken Alkoholkonsums vorkamen, läßt sich denken.
Die Strafpredigt, die Pfarrer Terlunen am nächsten Morgen gehalten haben wird, wird sich wohl gewaschen haben. Bis Dienstag war dann allgemein Ruhe. Der Montag diente dazu, alte Masken und Verkleidungen wieder herzurichten. Nicht schön wollten sie aussehen, sondern häßlich und abschreckend. So versammelten sich am Dienstag früh vor der Osterfelder Pankratius Kirche finstere Gestalten wie Hexen, Teufel, Zwerge und alle möglichen grotestken Figuren. In den Händen hielten sie Rasseln, Trommeln und andere Gegenstände, um Lärm zu erzeugen. Es fehlten auch nicht die Körbe, in denen Eß- und Trinkbares eingesammelt werden sollte.
Die Gruppe, die sich hier versammelt hatte, wartete noch auf die Vonderorter. Als diese eintrafen, ging der Zug los, das sogenannte “Bliesenjagen” hatte angefangen. Unter Gesang und ohrenbetäubenden Lärm ging der Zug zunächst zum Venbuer und dann zum Eschenbrocks Hof. Mitgeführt werden die sogenannten “Schüttegaffeln”. Die Schüttegaffeln waren Holzstangen, welche mit bunten Bändern und Tannengrün verziert waren. Auf ihnen sollten bald Würste, Speck und Schinken hängen. Auf dem Weg von einem Bauer zum anderen sang man unter anderen die überlieferten Lieder. Zum Beispiel:
Faschlowend kömmt heran, Et rappelt in de Bössen. Onse Magd on onse Knecht, sprengt woll övver de Klösse (Klötze). Gett de Ledder an de Wand, Krieg de Mettwoß bi de Hand, Gävv ons van de langen, lott die kotten hangen, lott dat Messer senken, Deipe en den Schenken. Hier en Ei, on dor en Ei, Mettwoß oder Leverwoß Dat eß enerlei.
Van hier büß no Essen, do gebt et wat te fressen, lott ons nech so lange stohn, mot noch en Hüsken widder gohn, van hier büß nach Botterop (Bottrop) Do geft et wat met’n Knüppel drop, van hier büß nach Amsterdam, do geft et’n Stuten Botteram.
Der Zug ging über den Stemmersberg, den Rothebusch, den Vonderberg bis hinein nach Vonderort. Dabei hatte der Konsum an Schnaps die Beteiligten immer lauter und frecher werden lassen. Vor den Bauernhäusern trug man Vorgänge, die innerhalb der Gemeinde sich während des vorigen Jahres ereigneten, vor. Dieses tat man in recht drastischer Form und man wurde dabei oft sehr direkt, was nicht selten böses Blut gab.
Die Vorgänge wurden von den Beteiligten des Bliesenjagens in Form eines Theaterstückes vorgetragen und man vergaß auch nicht Ereignisse aus dem Privatleben Osterfelder Bürger.
Die letzten Stationen des Zuges waren das Haus Hove, der Armeler Hof, der Steinhaus Hof, das Haus Vondern und der Brockhoffs Hof. Um den ausreichenden Lärm zu erzeugen, bediente man sich des sogenannten “Rummelspottes”. Er wurde auch “Knurrpott” genannt. Ein Steinguttopf wurde an seiner Öffnung mit einer Schweinsblase überspannt. Durch die Blase wurde ein Rohr gesteckt, das man auf- und abzog, was einen dumpfen Ton hervorrief. Die “Bösse” in unserem Fachtnachtslied (Et rappelt in de Bössen) ist dieser “Rummelspott”. Auch trug man aufgeblasene Schweinsblasen mit, die an einem Stock hing und in die man Erbsen gesteckt hatte. Mit dieser Blase schlug man Zuschauer des Bliesenzuges, was den gewünschten Lärm erzeugte, aber niemanden verletzte, Auf den adligen Häusern und den Höfen selbst war das Fastnachtsfest mit dem Besuch des Bliesenzuges nicht vorbei. Eigentlich begann man schon am Mittag. Die Mutter hatte am Morgen aus dem Dorf genügend Bier besorgt. Die Vorratskammern waren offen und wie jedes Jahr gab es “Fastnachtspannenkauk” und “Erften”.
Dieser Mettwurstpfannkuchen, zu dem Erbsensuppe gereicht wurde, ist uralte Osterfelder Fachtnachttradition.
Die Osterfelder Fastnacht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Der Zug erreichte Osterfeld Mitte. Es ist Abend geworden und nüchtern ist keiner mehr. In den Fachtnachtshäusern wurden die “Aktiven” schon erwartet. Sie brachten Speck, Mettwurst, Eier, Butter und sackweise Mehl mit, was alles zusammen als Mettwurst-Pfannenkuchen in zahlreichen Pfannen landete. Riesige Stapel von Pfannekuchen wurden bei Bier und Schnaps von den Zugteilnehmern und den inzwischen eingetroffenen umliegenden Bauern und Knechten, die nicht am Zug teilgenommen hatten, verdrückt. Das Fest fand in Dorfmitte in mehreren Häusern statt. Seit dem Mittagessen hatte man den Ortsgendarmen nicht mehr gesehen, der wohl auch allein nur wenig hätte ausrichten können. Wie am Samstag zuvor endete das Gelage in einer großen Anzahl von Schnapsleichen, die man völlig verkatert am Mittwoch in St. Pankratius wiedertraf. Die kleine Dorfkirche war übervoll, alles holte sich das Aschenkreuz ab.
Wer nun glaubte, alles sei vorüber gewesen, der täuscht sich. Vor der Kirche stand schon der große schwarze Leiterwagen. Auf ihn lud man eine Strohpuppe und fuhr mit ihr durch das Dorf. Die Bevölkerung schloß sich dem Zug unter großer “Anteilnahme” an und benahm sich ganz so, als wenn man einem Begräbniszug folgte. Man wünschte sich gegenseitig “Herzlich Beileid” usw.. “Bachus” so nannte man diese Puppe, war mit brennenden Kerzen besteckt und wurde nun von Haus zu Haus gezogen. In Nachahmung von lateinischen Litaneien, z.B. “Libera nos, Domine” sang der Vorsänger:”Sitt wi schonn bi Große Brockhoff gewäßt”, worauf der Chor antwortete: “Üverall, ävver dor noch nech!”. Statt der Stroßpuppe mußte oft ein betrunkener Zecher herhalten, der dann auf einer Schiebkarre durch Osterfeld gefahren wurde. Vor einem Wirtshaus, in dem man abends zuvor besonders gebechert hatte, verbrannte man die Puppe unter Nachäffnung der beim Begräbnis üblichen kirchlichen Zeremonien. Nach dem Absingen von langen Bachus-Litaneien wurde eine “Raue” veranstaltet. Auch dieser “Leichenschmaus” endete wieder in ein ausschweifendes Gelage. Die Zeremonie des “Bachus-Begrabens” stieß bei der Obrigkeit auf immer weniger Verständnis. Man bekam die ausgelassene Menge einfach nicht in den Griff und es hagelte Verbote, an die sich kein Mensch hielt, was aus den Verboten herauszulesen ist. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich diese Sitte über das ganze Ruhrgebiet ausgebreitet und eine Verfügung des Bürgermeisters von Bochum vom 12.2.1830 ist es wert, hier vorgestellt zu werden: “Alles Getöse, Knallen und Peitschen, sogenannte Fastnachtsaufzüge, besonders der Skandal, der, früheren Verboten ungeachtet, am Aschermittwoch-Abende früher getrieben wurde, wird wiederholt gänzlich, als sittenwidrig und die öffentliche Ruhe gefährdend, untersagt, usw….
Auch die Königliche Preußische Provinzial-Regierung in Düsseldorf versuchte die Bevölkerung in unserer Gegend am Aschermittwoch zur Ruhe zu bringen. In einer Preußische Polizeiverordnung vom 14. Dezember 1853 heißt es unter anderem:”….während der ganzen Charwoche und am Aschermittwoch dürfen Bälle und ähnliche Lustbarkeiten nicht gegeben werden.”…..
Am 16.12.1876 wurde diese Verordnung noch einmal bekanntgegeben, was bedeutete, daß sich in der Zeit davor niemand an das Verbot gehalten hat.
Das Fest war zu Ende. Der Ablauf selbst läßt Traditionen, welche noch aus heidnischer Zeit stammen, erkennen. Man kann sich vorstellen, daß Fastnacht so oder ähnlich schon Jahrhunderte in Osterfeld gefeiert wurde. Sicher waren die Feste nicht harmloser als die Vorgänge, die uns aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überliefert sind, eher umgekehrt. Dieses beweisen die Verbote, die der Osterfelder Pfarrer im Auftrage seines Landesherrn immer wieder von der Kanzel verlas.